wenn wilde vögel fliegen

Als Frauenpaar auf Reisen oder Reisen homosexuelle Paare anders?

Eine Frage, die wir uns selbst schon das ein oder andere Mal gestellt haben, die aber auch andere Menschen zu beschäftigen scheint: Reisen homosexuelle Paare anders als Heteropaare?
Reisen WIR als Frauenpaar anders als andere Paare?

Ganz allgemein gesehen liegt die Antwort natürlich auf der Hand: JA! Schon allein die Tatsache, dass wir bei der Auswahl unserer Reiseziele deutlich eingeschränkter sind, sofern wir nicht bereit dazu sind, uns und unsere Liebe auf einer Reise dauerhaft zu verstecken. Und das sind wir definitiv NICHT.

Länder, in denen Homosexualität nach wie vor stark abgelehnt wird oder die sie, im Extremfall, auch heute noch unter (Todes-)Strafe stellen, meiden wir daher selbsterklärend. So groß unsere Sehnsucht nach der Fremde auch sein mag, so gern wir die GESAMTE Welt entdecken würden… Nicht um jeden Preis!

Möglicherweise wäre es für uns anders, wenn wir allein reisen würden. Ohneeinander. Nicht als Paar. Es macht sicher einen Unterschied, ob wir als Alleinreisende oder auf Reisen mit Freunden „nur“ verstecken würden, dass wir Frauen lieben – schlimm genug – oder ob wir auf einer gemeinsamen Reise UNS und UNSERE Liebe verstecken müssten.

- Andere Länder, andere Sitten...

Natürlich sind wir tolerant und anpassungsfähig, respektieren andere Kulturen. Andere Länder, andere Sitten, völlig klar. Geht es um Dinge wie die Kleiderwahl, das Verhalten an religiösen Stätten oder andere Zeichen des Respekts fremden Kulturen gegenüber, so sind wir ohne Frage bereit, diese Regeln einzuhalten, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, in ein entsprechendes Land zu reisen. Mehr noch, wir empören uns selbst über die Menschen, die das NICHT tun. Sollten sie sich doch dann vielleicht besser andere Reiseziele aussuchen.

Würden diese Regeln uns jedoch in unserer Freiheit als lesbisches Paar über einen längeren Zeitraum einschränken wollen, so sähe die Sache für uns anders aus. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, möchten wir Händchen halten können, wenn UNS danach ist, uns küssen oder umarmen, wenn UNS danach ist. Ganz abgesehen davon, dass wir das in der Öffentlichkeit so oder so nicht unentwegt tun, ist uns die Gewissheit, DASS wir es könnten, wenn wir wollten, sehr wichtig.
Eine Reise soll doch Spaß machen, soll ein Freiheitsgefühl in uns wecken. Wie können wir frei sein, wenn wir uns nicht frei bewegen können?

Wie können wir frei sein, wenn wir uns nicht frei bewegen können?

Vor unserer Australienreise konnten wir Erfahrungen als Frauenpaar nur im europäischen Ausland sammeln. Außereuropäische und in Bezug auf Homosexualität kritische Ziele, wie der Nahe Osten, Indien, Afrika – um nur einige Beispiele zu nennen – standen bisher nicht auf unserer Liste. In europäischen Ländern wie Italien, Spanien, Österreich, der Schweiz, Ungarn, Tschechien oder Griechenland hatten wir nie irgendwelche Probleme. Mal abgesehen von vereinzelt komischen Blicken, die uns aber durchaus auch in Deutschland treffen könnten. Tatsächlich können wir nicht von einer einzigen negativen Erfahrung auf all diesen Reisen berichten. Nie wurden wir benachteiligt, nie angepöbelt, nie beschimpft.

- Australien

Australien, erste Station unserer open-end-Weltreise, sollte also die außereuropäische Pärchen-Premiere werden. Jedoch machten wir uns diesbezüglich im Vorfeld nicht viele Gedanken, bestand doch bei einem westlichen Land wie Australien eigentlich kein Grund zur Sorge. Wir wollten es einfach mal auf uns zukommen lassen.
Vor Ort waren unsere Wahrnehmungen dann sehr unterschiedlich. Bei Aufenthalten in größeren Städten war natürlich alles easy. Dort gaben wir uns so, wie wir es zuletzt in Kassel oder irgendwo sonst in Deutschland auch taten.
In den ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden, sprich im australischen Outback, das den Großteil des Kontinents ausmacht, sah die Sache allerdings schon anders aus. Auch hier sind die Australier, nicht anders als in städtischen Gebieten, allgemein überaus freundliche, offene und hilfsbereite Menschen, keine Frage. Fast immer zu einem Smalltalk bereit, fast immer interessiert an den Geschichten der Reisenden. Jedoch werden diese kleineren Orte in diesen abgelegenen Regionen sehr häufig und sehr deutlich von einer “Männerwelt” dominiert. Farmarbeit, Pubs, Feierabendbiere. Frauen treten hier einfach seltener in Erscheinung. Geschweige denn ein Frauenpaar.

- Unterkünfte

Da wir auf unserer Reise immer mit unserem eigenen Auto unterwegs waren, in dem wir auch schlafen konnten, übernachteten wir meist auf kostenlosen Campingplätzen – häufig einfach nur Parkplätze. Hatten wir uns einen Schlafplatz in der Nähe eines besagten, kleineren Ortes ausgesucht, schauten wir bei Ankunft lieber nochmal genauer hin. Wochenende und ein Pub direkt nebenan? Muss nicht sein.

Auf größeren, belebteren Campingplätzen waren wir meist sehr entspannt, fühlten uns quasi wie Zuhause. Kleinere Plätze, mit weniger anderen Campern, womöglich hauptsächlich alleinstehende Australier oder Männergruppen, die sich das Bier am Lagerfeuer schmecken ließen, sorgten automatisch für etwas Zurückhaltung unsererseits. Hatten wir doch weder Lust, von ihnen angequatscht, noch nachts „besucht“ zu werden. Schließlich schliefen wir ja quasi neben ihnen. Vielleicht haben wir ihnen manchmal Unrecht getan, vielleicht hätten wir uns einfach zu ihnen gesellen und nett mit ihnen quatschen können, aber wir sind da eher so safety first veranlagt.

Ab und an mieteten wir uns vorübergehend eine feste Unterkunft, zum Beispiel über die private Plattform Airbnb*, In solchen Fällen kam es darauf an, um welche Art Unterkunft es sich handelte.

Waren Anonymität und Privatsphäre gegeben, zum Beispiel in einem Hotelzimmer oder einer separaten Wohnung, erwähnten wir in der Buchungsanfrage nicht, dass wir ein Paar waren. Teilten wir uns jedoch den Wohnraum mit anderen Leuten, wie zuletzt mit einem australischen Ehepaar und lebten einige Zeit auf engerem Raum mit ihnen zusammen, so hielten wir es für sinnvoll, im Vorfeld klare Verhältnisse zu schaffen. So gaben wir ihnen die Möglichkeit, unsere Buchung daraufhin abzulehnen. Der Gedanke, dass dies einmal passieren könnte, macht uns zwar sauer, aber wäre für uns im Fall der Fälle das kleinere Übel.
Denn: Homophobe Mitbewohner?! Nein Danke! Darüber müssen sich Heteropaare einfach keine Gedanken machen.

- Arbeitsplätze

Ein weiteres, etwas spezielleres Umfeld waren für uns die Arbeitsplätze in Australien. An unseren letzten Arbeitsplätzen in Deutschland (Autoverleih und Jugendhilfeeinrichtung) waren wir geoutet. In der Vergangenheit war das jedoch nicht immer so selbstverständlich.
Je nach Arbeitsbedingungen, Arbeitsklima oder einfach, um uns selbst gewissermaßen zu schützen. Denn: bestimmte Lebensumstände – und dazu zählt leider auch in der heutigen Zeit nach wie vor die Homosexualität – können in bestimmten Kontexten Nachteile mit sich bringen, sie machen angreifbarer.
Wie wir das in Australien handhaben würden, wussten wir vor Abreise noch nicht genau. Sollten es doch auf der Reise immer nur Jobs für ein paar Wochen sein, da musste es uns eigentlich nicht kümmern, was andere Leute denken. Oder? Theoretisch nicht, doch praktisch wägten wir trotzdem manchmal ab, haben uns manchmal bewusst bedeckt gehalten.
So hatten wir beim Blueberrypicking, unserem ersten Backpackerjob, zwei indische Vorgesetzte. Einer von ihnen fragte sehr direkt, ob wir ein Paar oder Freunde seien. Eigentlich lügen wir diesbezüglich nicht. Wir posaunen unsere sexuelle Orientierung im Alltag zwar nicht ungefragt hinaus in die Welt, wenn wir jedoch direkt danach gefragt werden, antworten wir in aller Regel ehrlich. Da wir ihn nicht gut kannten und seine Reaktionen vor dem Hintergrund seiner indischen Herkunft (in Indien war Homosexualität bis September 2018 strafbar und demzufolge gesellschaftlich stark tabuisiert) nicht einschätzen konnten und kein Risiko eingehen wollten, dass eine Ablehnung seinerseits sich negativ auf das Arbeitsklima auswirken könnte, entschieden wir uns für die „Freunde“-Variante.
An einer anderen Arbeitsstelle, einer Seafood-Farm mitten im australischen Nirgendwo, aber mit hauptsächlich jungen und auf den ersten Blick recht lockeren Kollegen, outeten wir uns auf Nachfrage, woher wir uns kennen würden, direkt am ersten Arbeitstag als Paar.
Es kann eben je nach Situation sehr variieren und meist entscheiden wir aus dem Bauch heraus.

Insgesamt sind wir sehr froh darüber, nach fast 7 Jahren Beziehung weder im deutschen Alltag noch auf gemeinsamen Reisen negative Erfahrungen als lesbisches Paar gemacht zu haben. Traurigerweise gilt das aber heutzutage noch lange nicht für alle homosexuellen Menschen.

Ob wir als Frauenpaar dennoch anders reisen als Heteropaare? DEFINITIV!

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